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Martin Steinmann Dernière modification / letzte Änderung
28.8.2008
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Terminologie: Gotische Schriftarten
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| Durham Cathedral Library A I 10, 146ra (frühe 12. Jh.) |
Bamberg Staatsbibl. Ed II 14, 76v (1177-1189) |
Graz UB Ms. 287, 8v (nicht vor 1200) |
100 Gotische Minuskel
- breite Schrift, Bogen von m und n aussen
mehr oder weniger rund; erste Schäfte von m und n auf der Zeile
stumpf endend, der jeweils letzte Schaft schräg abgeschnitten;
der Bauch von a aus einem nach links fallenden Haarstrich und einem
im Winkel angesetzten starken Bogen gebildet; aus Italien, Südfrankreich
oder Spanien stammend → 200
- enge Schrift, Bogen von m und n im Scheitel gebrochen; Schäfte
von m und n auf der Zeile mit Aufstrich, Quadrangeln (auf die Spitze
gestellte Rauten) oder stumpf endend; der Bauch von a rund oder
ein senkrechtes Element enthaltend; aus dem deutschen oder französischen
Kulturraum stammend → 110
110 Textualis
Dunkle, eng laufende, eckig wirkende Schrift,
Ober- und Unterlängen kleiner als die Mittelzone. Meist mit
gotischen Bogenverbindungen. Die Buchstaben f und langes s enden
auf der Zeile, a zweistöckig.
| München BSB Cgm 88, 71v (Niederbayern, 3. Viertel 13. Jh.) |
Paris, BNF, lat. 461, 270v (Paris 1343) |
Basel UB, B VIII 27, 292r (Zürich um 1300) |
150 Textualis formata
Kennzeichen der Textualis formata ist eine
aufwändige, "gekünstelte" Schreibtechnik: Brechungen (z.B.
wird der nach rechts unten führende Teil eines Bogens vom anschliessenden
senkrechten Schaft abgesetzt) und künstliche Schaftabschlüsse
auf der Grundlinie: Quadrangeln oder horizontale Abschlüsse,
wie sie nur durch eine Drehung der Feder erzeugt werden können.
Typisch ist auch ein extrem grosser Kontrast zwischen Haar- und
Schattenzügen, dazu kommen oft verzierende Haarstriche, welche
nur mit einer Aussenkante der Feder erzeugt sein können.
Die Textualis formata kommt in vielen verschiedenen Varianten vor
(spätmittelalterliche Schreibmeister haben ihnen Namen gegeben),
sie werden hier aber nicht weiter unterschieden. Da zusätzliche
Brechungen ein allgemeines Ideal der Textualis war, ist auch eine
saubere Abgrenzung von dieser oft nicht möglich. Im Zweifelsfall
wird man sich für einfache "Textualis" entscheiden.
| Wien ÖNB, Cod. 537 (Prag 1386) |
London BL, Add. 42130, 25v (England, vor 1340) |
Basel UB, B I 3, 7 (Basel 1435) |
200 Rotunda
Rund und breit laufend, mit starkem Kontrast. Ober- und Unterlängen
kürzer als die Mittelzone. Gotische Bogenverbindungen vorhanden.
Bogen von m und n aussen mehr oder weniger rund; beim c verläuft
der obere Zug horizontal, d kommt sowohl in der runden (mit fast horizontalem
oberem Teil) wie in der geraden Form vor.
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| Vat.,
Rossi lat. IX 421, 49r (Italien 1308) |
Basel
UB, C I 2, 58v (2. Hälfte 14. Jh.) |
Madrid
BN, lat. 5569, 105r (bei Valencia 1416) |
300
Buchkursive/Bastarda
- d rund; ae im Latein als e geschrieben →
310
- a einstöckig; d gerade; g mit geschlossenem Unterbogen; lange
Schäfte ganz ohne Schleifen; ae im Latein als ae oder e caudata
geschrieben → 800
310 Gotische Buchkursive/Bastarda
- a oft zweistöckig und weit über
die Mittelzone erhöht; g mit geschlossenem Unterbogen →
350
- a einstöckig; d rund; g mit meist offenem Unterbogen →
400
- Schrift enthält einzelne humanistische Elemente wie langes
Schluss-s, gerades d, ae oder e caudata; in humanistischem Umkreis
entstanden → 910
350 Ältere gotische Buchkursive
| Engelberg
Stiftsbibl., Cod. 31, 8vb (Bischofszell 1359) |
Genève BPU, Lat. 160, 62rb (1360) |
Basel UB, A II 3, 86r (Freiburg i.Br. 1401) |
400 Jüngere gotische
Buchkursive/Bastarda
- Schrift enthält einzelne humanistische
Elemente wie langes Schluss-s, gerades d, ae oder e caudata; in humanistischem
Umkreis entstanden → 910
- Schrift nicht humanistisch beeinflusst → 410
410
- Schäfte von f und s spindelförmig (in der Mitte dick,
unten in eine Spitze auslaufend), oft schräggestellt → 550
- Schäfte von f und s nicht spindelförmig → 420
420
- lange Schäfte und rundes d mit Schleifen (häufig nicht
konsequent) → 500
- lange Schäfte ohne Schleifen → 600
500 Jüngere gotische Buchkursive/Bastarda mit Schleifen ("Kursive mit Schleifen")
| Utrecht Bibl. Univ. 327, 121r (Utrecht 1404) |
Klosterneuburg
Stiftsbibl. Cod. 421, 1v (Klosterneuburg um 1435) |
Luzern ZHB, BB 335 fol., p. 437 Luzern 1426) |
510 Mercantesca
Schrift vor allem der Florentiner Kaufleute.
Breit und rund, unter der Zeile oft weit nach links ausholende Züge.
In der Verbindung von c mit h schwindet der Schaft des zweiten Buchstabens
teilweise; die beiden Züge des e werden so verbunden, dass
gleichsam ein oben offenes o entsteht und rechts an der Öffnung
ein horizontaler Strich ansetzt; f wird in einem Zug geführt,
ungefähr wie eine hohe, schmale 8; s beginnt mit der Schlaufe
oben und geht dann in einem Zug abwärts.
| Firenze, Bibl. Riccardiana, Ricc. 1345, 121r (Florenz 1414) |
Firenze, Bibl. Nazionale Centrale, Palatino 594, 15r (1441) |
Firenze
BN, Conv. Soppr. I.VIII.3, 1r (Florenz 1452) |
520 Flüssige jüngere
gotische Buchkursive mit Schleifen ("Flüssige Kursive mit Schleifen")
| Frankfurt
a.M. Stadtbibl., Ms. Praed. 67, 109ra (Köln? 1423) |
München BSB, Cgm 268, 212v(1431) |
Freiburg i.Br. UB, Hs. 178, 22r (1491) |
550 Bastarda mit Schleifen
| Berlin StB, Theol. lat. fol. 129, 129r (Lehnin, Brandenburg 1423) |
Stuttgart
LB, HB I 207, 257v (Oggelsbeuren 2. Viertel 15. Jh.) |
Frankfurt
a.M. Stadtbibl.
Lat. qu. 57, 73va (Mitt 14. Jh.) |
570 Lettre bâtarde
Die Schäfte laufen oft nicht parallel:
f und gerades s sind nach rechts geneigt,
ihre spindelförmigen Schäfte enden tief unter der Zeile
spitz. Die übrigen langen Schäfte stehen steiler, während
die niederen Buchstaben eher nach links zurückliegen. Die Oberlängen
(ohne f und gerades s) zeigen Schlingen oder wenigstens Fahnen;
d kann weit nach links ausgreifen, sein sekundäres Element
kann unter oder über dem formbildenden Zug verlaufen. Am Wortanfang
hat v einen hoch von rechts ansetzenden Anstrich. Buchstaben wie
i, m und n können am Wortanfang tief unter der Zeile ansetzen;
ihre letzten Schäfte binden nach rechts, am Wortende dagegen
werden sie krallenförmig unter die Zeile gezogen; die vorangehenden
Schäfte enden spitz, ohne Füsschen. Klein r hat unten
einen ausgeprägten Bogen, der sich mit der Schulter zu einer
v-artig geschlossenen Form verbinden kann. Die Schlinge von g bleibt
offen und ist wenig entwickelt. Der zweite, obere Zug von e verläuft
oft konkav, er kann im Scheitel eine Spitze bilden. Schluss-s zeigt
Bretzelform und ist tief eingeschnitten.
Die Lettre bâtarde war die Schrift der höfischen Kultur
in Frankreich und den Niederlanden, sie kommt fast nur in französischen
Texten vor und kann aufwendig mit Quadrangeln geschrieben werden.
| Wien ÖNB, Cod. 2533, 3vb | Paris BNF, Lat. 16028, 47v (1404) |
London BL, Royal 16 G VIII, 88r (Lille 1473) |
580 Frühe Fraktur
Von Heinrich Fichtenau (Die Lehrbücher
Maximilians I. und die Anfänge der Fraktur, Hamburg 1964) eingeführter
Begriff, als Frakturtype vom frühen 16. Jh. an erfolgreich.
Tatsächlich handelt es sich um eine Nachbildung der Lettre
bâtarde ausserhalb des französisch-niederländischen
Kulturkreises.
| Wien, ÖNB, Cod.ser.n.2617, 4r (Grammatikbuch für Maximilian I., Wien um 1470) |
Basel UB, O II 26 (1476) |
Wien
NB, Cod. 2868, 47r (1489) |
600 Schleifenlose jüngere gotische Buchkursive/Bastarda ("Schleifenlose
Kursive/Bastarda")
| Freiburg
i.Br. UB, Hs. 236, 208ra (1420) |
Freiburg
i.Br. UB, Hs. 177, 196r (Padua 1438) |
Winterthur
Stadtbibl., fol. 125, 1r (1467) [CMD-CH 3 Nr. 421] |
- Schrift ausgeprägt verbunden geschrieben
→ 610
- Schrift ausgeprägt unverbunden geschrieben → 650
- Schrift wirkt nicht routiniert oder unbeholfen → 940
- Schrift stark individuell geprägt, routiniert und geläufig → 950
610 Flüssige schleifenlose
jüngere gotische Buchkursive ("Flüssige schleifenlose
Kursive")
| München,
BSB, Cgm 5019, 21r (1430) |
Basel UB, D I 1, 313v (1436) |
Den
Haag, Bibl. roy. 69 B 1, 230rb (Niederlande, 1459) |
650 Schleifenlose Bastarda
| München,
BSB, Cgm 763, 14r (1447) |
Stuttgart LB, HB I 206, 118v (1448) |
Freiburg i.Br. UB, Hs. 222, 256r (1471) |
680 Niederländische
Bastarda
Breit und schwer, die Mittelzone ist grösser
als Ober- und Unterlängen; zusätzliche Brechungen fehlen,
Bogenverbindungen werden zurückhaltend gesetzt. Die stumpfen
Schäfte enden dem schrägen Winkel der Feder entsprechend
nicht parallel zur Zeile; der Ansatz der langen Schäfte oft
mit leichter Gabelung, auch sonst kommen zusätzliche Haarstriche
vor. Die Unterlänge des g in der Regel offen, d.h. nicht zur
Schlaufe geschlossen; b, d und o oft oval bis spitzoval; der Bauch
des kursiven a setzt oben oft horizontal nach links laufend an;
das runde Schluss-s wird stets geschlossen geschrieben und erscheint
acht- oder (häufiger) brezelförmig. Bei den Fraterherren
in Windesheim ab Ende des 14. Jhs., dann allgemein in den Niederlanden
und am Niederrhein, seit dem 2. Drittel des 15. Jhs. im Einflussbereich
der Windesheimer Reform und Devotio moderna auch sonst häufig.
| Utrecht UB, 249, 110rb (Utrecht, um 1425) |
Basel UB, O I 9 (Basel 1478) |
Den Haag KB, 74 F 2, 123r (Nordholland 1481) |
700 Humanistische Minuskel
Zweistöckiges a; gerades (Minuskel-)d;
die Unterlänge des g bildet einen abgesetzten Körper;
gerades r; (oft) gerades Schluss-s. Helles Schriftbild mit geringem
Kontrast zwischen Haar- und Schattenzügen; die Buchstaben stehen
einzeln (es kommen aber auch gotische Bogenverbindungen vor); breite,
runde Proportionen; Ober- und Unterlängen eher kleiner als
die Mittelzone; Oberlängen immer ohne Schleifen. - Die humanistische
Minuskel ist nach späten karolingischen Minuskeln gestaltet,
ist aber bald selbständig weiterentwickelt worden. Die Majuskeln
werden erst seit der 2. Hälfte des 15. Jhs. nach dem Vorbild
antiker Inschriften gestaltet.
| Berlin StB, Ham. 166, 14r (Florenz, 1408) |
Zürich ZB, Car 47 (1459) |
Frauenfeld KB, Y 39, 71v (1464-1471) |
800 Humanistische Kursive
Einstöckiges a; gerades (Minuskel-)d;
Unterlänge des g schleifenförmig; (oft) "langes" Schluss-s;
Oberlängen immer ohne Schleifen. Schrift des 15. Jhs.; helles
Schriftbild mit geringem Kontrast zwischen Haar- und Schattenzügen;
schmale Proportionen; Ober- und Unterlängen lang, oft leichte
Rechtsneigung.
| London
BL, Add. 11946 (Volterra 1442) |
Basel
UB, F VIII 14, 59r (Rom 1468/1469) |
London
BL, Add. 21187, 53r (Mailan 1486) |
900 Semigotica
Vorläuferin der humanistischen Minuskel:
Francesco Petrarca und in seinem Gefolge andere Humanisten begannen
ihre persönliche Handschrift an vorgotische Schriften anzupassen.
Die Semigotica sieht "humanistisch" aus, ohne dass ihre Buchstaben
humanistische Formen zeigen: Helles Schriftbild; eher breite Proportionen;
Oberlängen ohne Schleifen. Es gibt aber auch gleichartige Schriften
ohne erkennbaren humanistischen Hintergrund; diese sind der Textualis
oder Bastarda zuzuordnen.
| Florenz
Bibl. Riccardiana, Ricc. 1363, 45v (Ende 14. Jh.) |
Stuttgart
LB, HB VI 125, 119va (Pavia 1459) |
Basel
UB, F I 5, 284v (Basel, 2. Hälfte 15. Jh.) |
910 Gotico-Humanistica
Die Schrift von Schreibern, welche als Humanisten
verstanden werden und als solche eine humanistische Schrift schreiben
wollen, die aber nur einzelne Formen einer solchen übernehmen.
Daraus ergibt sich, dass die Gotico-Humanistica in ganz verschiedener
Gestalt auftreten kann. Das Schriftbild orientiert sich oft an der
Semigotica, die Formen entsprechen grösstenteils denen der Textualis
oder der gotischen Kursive (auch Schlingen an langen Schäften
oder an rundem d kommen vor), einzelne Buchstaben sind aber aus
der humanistischen Schrift genommen: häufig langes Schluss-s
und gerades d . - Schriften, deren gewollt humanistischer Charakter
sich ausschliesslich im Schriftbild, nicht aber in einzelnen Formen
äussert, wird man der Semigotica zuordnen.
| Freiburg
i.Br. UB, Hs. 205r (Padua 1464) |
Basel UB, F IX 5, 248r (Paris 1465) |
Stuttgart
LB, HB X 6, 105r (Florenz 1470) |
920 Imitationsschriften
Es entspricht dem Wesen der Imitationsschriften,
dass Formen und Motiv der Verwendung ganz verschieden sein können.
Folgende Gruppen sind bekannt: Anpassung an die Vorlage bei der
Ergänzung defekter älterer Handschriften; Aufnahme älterer
Formen als Ausdruck der Wertschätzung früher Traditionen
in der benediktinischen Reformbewegung; antiquarische Interessen
im Humanismus; Imitation von Druckschriften. Frühe humanistische
Minuskeln, die ebenfalls in diesen Zusammenhang gehören, werden
aus pragmatischen Gründen nicht hier eingeordnet.
| München
BSB, Clm 21597, 6r (Weihenstephan 1462) |
Stuttgart, HB VI 138, 34v (Konstanz 1472) |
Bremen UB, a 153, 3r (1492) |
940 Vereinfachte Schriften
Vereinfachte Schriften sind nicht schulmässig,
können Elemente der Buchschrift wie der Kursive enthalten und
treten in verschiedenen Ausprägungen auf. Oft, aber nicht notwendigerweise
von wenig schreibkundigen Händen (nicht selten in Frauenklöstern,
aber auch Franz von Assisi ist ein bekanntes Beispiel). Eine feinere
Aufgliederung scheint nicht sinnvoll.
| Archivio
Vaticano, Collect. 240, 48r (Volterra 1278) |
Wil
Dominikanerinnen, M 41, 121v (1484) |
München SBS, Cgm 237, 203r (1438) |
950 Individuelle Schriften,
Charakter- oder Gelehrtenschriften
Sammelbezeichnung für eilige, persönlich
geprägte Schriften, wie sie vor allem in Glossen und kurzen
Bemerkungen, aber auch etwa in Konzepten vorkommen und für
die eine Zuweisung zu anderen Schriftarten nicht sinnvoll scheint
(Beispiel: Autographen von Thomas von Aquin).
| Vat.lat.9850, 48rb (Thomas v. Aquin) |
München
BSB, Cgm 664, 114v (nach 1448) |
Basel,
UB, A VII 12, 202r (ca. 1484-1494) |