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Martin Steinmann Dernière modification / letzte Änderung 31.01.2006
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Martin Steinmann: Der Katalog der mittelalterlichen Handschriften der Klöster Muri und HermetschwilAnsprache bei der Buchvernissage, gehalten in Muri am 12. November 2005Wissenschaft beginnt bekanntlich damit, dass man staunt und sich wundert - dass man es freilich nicht dabei belässt, Mund und Nase aufzusperren, sondern seine Verwunderung in Fragen formuliert und diesen Fragen nachgeht. Anlass zur Verwunderung bietet der Katalog der Murenser Handschriften zur Genüge: Wir feiern das Erscheinen eines Buches, das kaum jemand wirklich lesen wird. Mancher wird ein wenig darin blättern, vielleicht die eine oder andere Stelle über das Register suchen und zur Kenntnis nehmen, aber sonst - abgesehen von der Einleitung, welche auch als Begleitpublikation zur Ausstellung in Muri erschienen ist -, sonst wird sogar der Verleger Urs Stocker zugeben, dass das kein Buch ist, welches man in einem Zug verschlingen sollte. Warum denn ist es überhaupt mit viel Mühe und für teures Geld erarbeitet, geschrieben und publiziert worden? Der Katalog beschreibt die mittelalterlichen Handschriften des Klosters Muri, genauer der Klöster von Muri und Hermetschwil, und unser Verhältnis zum Katalog leitet sich von demjenigen zu diesen Handschriften ab: Auch mittelalterliche Handschriften werden höchstens von Spezialisten gelesen. Aber ein breites Publikum zeigt sich immer wieder von ihnen fasziniert, sei es in Ausstellungen oder in Publikationen mancherlei Art. Einer der erstaunlichsten weltweiten Bestseller der letzten Jahrzehnte ist ein Kriminalroman um mittelalterliche Bibliotheken gewesen, Umberto Ecos 'Der Name der Rose'. Worin liegt diese Faszination begründet? Mittelalterliche Handschriften sind für unsere Kultur von eminenter Bedeutung, aber sie sind Geschichte. Mit anderen Worten: Sie leben weiter, aber in anderer Form. Was sie zu sagen haben, ist längst in andere Medien, vor allem in gedruckte Bücher übergegangen, und aus diesem Grunde kann man heute weitgehend ohne sie auskommen. Das ändert nichts an der Tatsache, dass wir den mittelalterlichen Handschriften unsere Traditionen aus dem Altertum und unsere Kenntnis des Mittelalters ganz wesentlich verdanken. Man kann sich schlechthin nicht vorstellen, was aus dem Christentum geworden wäre, wenn wir nicht in der Bibel immer wieder nachlesen könnten, wie das Wort Gottes tatsächlich lautet. Unser ganzes Rechtssystem sähe gewiss völlig anders aus, wenn nicht das römische Rechtsdenken dahinter stünde. Literatur und Dichtung sind mittelbar nach wie vor von griechischen und lateinischen Vorbildern geprägt, von der Philosophie ganz zu schweigen. Von Sokrates und Diogenes wüssten wir nichts, von Caesar, Augustus und Nero wohl ebenso wenig, Karl der Grosse und Friedrich Barbarossa wären uns bestenfalls sagenhafte Gestalten, und was man uns von der Gründung der Eidgenossenschaft erzählen würde, kann man sich kaum vorstellen. Ganz abgesehen von unserer Schrift, die ja die Schrift der Römer ist. Und selbst den Anfang dieser Rede verdanken wir den Handschriften: Vom Staunen als Anfang der Philosophie haben schon Platon und Aristoteles gesprochen, und ohne schriftliche Überlieferung wüssten wir davon nichts. Erstaunlich ist ein weiteres: Handschriften sind fragile Gebilde, leicht können sie zu Grunde gehen. Und doch gibt es keine anderen Gegenstände aus früheren Jahrhunderten, welche sich in so grosser Zahl und im ursprünglichen Zustand erhalten haben - von Urkunden und Münzen allein abgesehen. Aus karolingischer Zeit zum Beispiel, aus dem 9. Jahrhundert also gibt es kaum ein Gebäude, welches nicht tiefgreifend umgestaltet worden wäre, die wenigen Wandmalereien sind verblasst und meistens nur teilweise erhalten, Schmuckstücke, Reliquiare und andere kirchliche Gegenstände, Waffen und weitere Objekte gehören zu den grossen Seltenheiten, während man aus der selben Zeit rund 6000 Handschriften kennt, und die Farben ihrer Miniaturen sind oft frisch, als wären sie erst gemalt worden. Auch für die Frühzeit des Klosters Muri haben wir keine zahlreicheren und aussagekräftigeren Zeugen als eben Handschriften. Damit kommen wir zu einem dritten Punkt: Handschriften sind nicht nur unentbehrliche Überlieferungsträger, erstaunlich zahlreich und erstaunlich alt, sie sind auch an vielen Orten identitätsstiftend, Inbegriff von Geschichte, Herkommen und Zusammengehörigkeit von Gesellschaften und Gemeinden. Das ist, um die zwei bekanntesten Beispiele zu nennen, in Irland so, wo das irische Book of Kells in Dublin als eigentliches Nationalheiligtum gilt, und in Island, wo die Handschriften der alten Sagas eine vergleichbare Rolle spielen. In der Schweiz haben die Stiftsbibliothek von St. Gallen und die Handschriften von Allerheiligen in Schaffhausen eine vergleichbare Stellung, auch diejenigen von Einsiedeln und Engelberg sind hier zu nennen. Und diejenigen von Muri gehören in den selben Zusammenhang. Auch das ein Grund, Sorge zu ihnen zu tragen. Ein weiteres Argument sei hier nur am Rande erwähnt: der rein materielle Handelswert. Die meisten Handschriften in der Schweiz sind einfach da, sie haben seit Menschengedenken nie etwas gekostet. Hätte man sie je kaufen und dafür zahlen müssen, würde man die vergleichsweise geringen Beträge für ihre Erhaltung und Erschliessung zweifellos leichter aufbringen. Was bisher vorgebracht worden ist, mag alles schön sein, werden Sie jetzt vielleicht denken - aber als Begründung dafür, dass nun gerade ein Katalog mit ausführlichen Beschreibungen erarbeitet und publiziert werden sollte, ist es eher dünn. Damit kommen wir zu einem nächsten Punkt: Handschriften, und Bücher überhaupt sind von Grund auf und ihrem ganzen Wesen nach bewegliche Güter. Das mag nun vielleicht als ein Widerspruch zu manchem erscheinen, was vorher angeführt worden ist. Es ist nicht weniger wahr. Die Vorstellung, dass Mönche ein Buch nach dem anderen geschrieben haben und dass die Bibliothek kontinuierlich wächst, wie das eine moderne Bibliothek tun sollte, diese Vorstellung ist nicht realistisch - weniger realistisch vielleicht, als dem Bibliothekar lieb ist. Bibliotheken wachsen in guten Zeiten, wenn das geistige Leben rege ist und ein gewisser Wohlstand herrscht. Sie können in Katastrophen untergehen, in Bränden etwa oder durch Plünderungen im Krieg, vor allem aber: in schlechten Zeiten, wenn sich niemand um sie kümmert, schrumpfen sie. Bücher wandern und sind immer gewandert, sie tauchen auf und können auch wieder verschwinden. Das gilt selbst von Sammlungen, welche der Inbegriff von Stabilität sind. In der Stiftsbibliothek St. Gallen etwa liegen recht viele und zum Teil uralte Handschriften, deren Entstehung mit dem Kloster gar nichts zu tun hat (zum Beispiel nehmen die Germanisten an, dass von den ältesten deutschsprachigen Texten kein einziger in St. Gallen entstanden ist, auch nicht der sogenannte 'Vocabularius sancti Galli'). Und wenn man die mittelalterlichen Kataloge studiert, so stellt man andererseits fest, wie sehr vieles nicht mehr da ist. Andererseits gibt es St. Galler Handschriften in anderen Bibliotheken quer durch Europa. In der Burgerbibliothek Bern gar liegen uralte Codices aus Strassburg und von der Loire, in Genf Prachthandschriften aus königlich französischem Besitz, und in Basel einige der ältesten aus Fulda in Hessen, von ein paar griechischen aus Konstantinopel ganz zu schweigen. Nicht viel anders steht es mit den Handschriften aus Muri: Einige sind tatsächlich und schon in frühesten Zeiten in Muri entstanden, andere im zugehörigen Frauenkloster Hermetschwil. Doch das ist ein geradezu kläglicher Rest dessen, was einst vorhanden war. Im Spätmittelalter scheint der Zuwachs nicht gerade gross gewesen zu sein, doch von der Herkunft vieler Bände wissen wir gar nichts. Auch das ist eine durchaus normale Situation. Nicht wenige aber sind offenbar nach der Reformation aus aufgehobenen und eingegangenen Ordenshäusern auf verschlungenen Wegen nach Hermetschwil gelangt - den Verfasser als Basler freut natürlich besonders der Marienpsalter der Klarissen von Gnadenthal in Basel, die seines Wissens einzige erhaltene Handschrift aus diesem Kloster. In der Neuzeit dann haben auch Äbte von Muri gelegentlich kostbare Handschriften als Sammlungsstücke erworben, denn die Bibliothek ist ein wichtiger Teil jedes Benediktinerkosters und nach der Kirche auch sein zweitwichtigster Repräsentationsraum. Schliesslich folgte als schwerer Einschnitt die Aufhebung des Klosters 1841. Zu einer geordneten Teilung der Bibliothek kam es damals nicht: Der Konvent behielt, was er konnte, der Kanton nahm, was ihm erreichbar war. Sein Anteil, wenn man das so nennen darf, liegt seither in Aarau, während die Bücher des Klosters die Schicksale eines Konvents im Exil teilten und stets sorgfältig gehütet wurden, aber ihren definitiven Standort (soweit man von einem solchen überhaupt sprechen kann) vielleicht bis heute nicht gefunden haben. Umso schöner, dass beide Teile in einer Ausstellung an den Ort ihrer gemeinsamen Vergangenheit zurückgefunden haben. Warum also ein Katalog? Die Argumente dafür haben wir jetzt zusammengetragen. Erstens leistet er das, was die Ausstellung physisch, aber nur in ausgewählten Beispielen geleistet hat, vollständig, dafür freilich nur sozusagen virtuell: Der älteste Teil der Bibliothek des Klosters Muri wird so, wie er im frühen 19. Jahrhundert existiert hat, wieder hergestellt (wobei mir das Wort 'virtuell' nicht recht gefallen will: der Katalog existiert nicht nur in Bits und Bytes, sondern ganz materiell, aber eben nur als Katalog). Ein kleines Bisschen mag er sogar zur Sicherung der Bücher selbst beitragen: Die Kontrolle darüber, was vorhanden ist oder sein sollte, wird erst durch Verzeichnisse möglich, das hat man schon im Mittelalter gewusst und auch ausgesprochen. Zweitens werden diese mittelalterlichen Handschriften für die Forschung erschlossen: Wer mittelalterliche Handschriften zu irgend einem Autor oder Thema sucht, kann sich jetzt ein Bild davon machen, ob in Aarau oder Sarnen etwas für ihn Relevantes vorhanden ist. Damit erhalten diese uralten Bücher ihre eigentliche Funktion zurück, soweit das überhaupt noch möglich ist: Sie können ihren Inhalt weitergeben. Drittens ist der Katalog ein Denkmal für das alte Kloster Muri, welches seit 1841 so nicht mehr existiert und das, selbst wenn je wieder der Konvent von Gries und Sarnen zurückkehren sollte, sich an seiner Geschichte orientieren und doch jedenfalls etwas ganz Neues, Anderes sein würde. So ist das Buch, dessen Erscheinen wir heute feiern, nicht nur Rückblick in längst vergangene Zeiten, sondern auch Etappe in der Gegenwart und auf dem Weg in eine Zukunft, von der wir als Menschen freilich nicht wissen, was sie uns bringen wird. Dazu, dass wir den Katalog feiern können, haben viele beigetragen, und damit kommen wir zum Dank. Abt Benno Malfèr von Muri-Gries hat manche alten Befürchtungen beiseite geschoben und zu dem ganzen Unternehmen seine überzeugte Zustimmung gegeben. In Sarnen selber hat vor allem Pater Beda die Wege geebnet, geebnet für Charlotte Bretscher und Rudolf Gamper, die die Verfasser des Buches sind, dem Projekt mit Enthusiasmus und Zähigkeit durch alle Höhen und Tiefen treu geblieben sind und in Sarnen herzliche Gastfreundschaft geniessen durften. Dann ist der Schweizerische Nationalfonds zu nennen, der die Hälfte der Finanzierung getragen hat, obschon unser Katalog weder bei der Wirtschaft noch bei den Politikern zu oberst auf der Prioritätenliste steht. Die andere Hälfte hat für den Sarner Teil die Josef Müller Stiftung in Muri getragen, sie hat zusätzlich auch in einem besonders schwierigen Moment als rettender Deus ex machina fungiert. Für den zweiten, den Aargauer Teil der Handschriften ist der ruhende Pol unter den Befürwortern immer Werner Dönni gewesen, die Kantonsbibliothek hat sich für das organisatorisch schwierige Unternehmen mit dem Staatsarchiv zusammengetan. Das zuständige Departement und die Regierung stellten, wieder zusammen mit dem Schweizerischen nationalfonds, die nötigen Mittel bereit, und am Ende kam dann noch der Verleger Urs Stocker dazu, der in bewährter Flexibilität und Liebenswürdigkeit dem Katalog ins materielle Dasein geholfen hat. Jetzt liegt das Buch also vor. Es ist ein kostspieliges, ein dickes, aber zugegebenermassen kein spektakuläres Werk. So können wir Kloster, Bibliothek, Archiv und alle Interessierten nur bitten: Kümmern Sie sich weiter darum, nehmen Sie es immer wieder vor, machen Sie es sich zu Nutze, es steckt viel Schönes, Anregendes und Interessantes darin, genug für manche Ausstellung, Führung, für Vorträge, Aufsätze und auch für stille Gedanken über die Geschichte, die Gegenwart und uns Menschen ganz allgemein. |