Kuratorium
"Katalogisierung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen
Handschriften der Schweiz"
Jahresbericht 2010
Wissenschaftliche Tätigkeit
Am laufenden Projekt, der Erschliessung der Handschriften des Zisterzienserklosters St. Urban in der Zentral- und Universitätsbibliothek Luzern, arbeiten seit April 2008 Dr. Charlotte Bretscher und Dr. Mikkel Mangold mit je 40% und unser Kollege Peter Kamber lic. phil., mit 20%. Im Berichtsjahr wurden 24 mittelalterliche Handschriften bearbeitet, insgesamt liegen nun die Beschreibungen von 64 Handschriften (bei einem Gesamtbestand von 68 Handschriften) vor.
Zeitlich entstammen die meisten der beschriebenen Handschriften dem Spätmittelalter. Thematisch handelt es sich überwiegend um kirchenrechtliche Texte (7 Hss.) und Texte für Andacht und Gottesdienst (10 Hss.). In St. Urban ist sicher das Jahrzeitbuch (StALU.KU.626) entstanden, möglicherweise auch das Graduale OCist P 26 fol., dessen Buchschmuck grosse Ähnlichkeit mit demjenigen der St. Urbaner Bibelhandschrift P 6 fol. aufweist, sowie ein Teil des kanonistischen Kodex P 3 fol. Wohl nicht aus St. Urban stammen die drei Bände mit Märtyrer-, Jungfrauen- und Bekennerviten (P 14 fol:1–3). Mit Ausnahme des Teils mit der Aachener Vita Karls des Grossen und der Historia Caroli Magni et Rotholandi des Ps.-Turpinus Remensis im Band 2 bilden die Bände jedoch bezüglich des Buchschmucks eine Einheit.
Die Handschriften P 6 4° und P 19 fol. sind ihrer Entstehungsumgebung wegen von besonderem Interesse. Erstere gehört zu einer Gruppe von in Paris für den deutschen Sprachraum hergestellten Stundenbüchern. Ihr reicher Buchschmuck stammt von einem vom Coëtivy-Meister beeinflussten Künstler. Letztere, ein mit Buchschmuck von ausserordentlicher Qualität ausgestattetes Graduale, wurde um 1410 in Böhmen wohl für eines der dortigen Zisterzienserklöster geschaffen.
Die Katalogisierung der Handschriften aus St. Urban kann planmässig Ende März 2011 abgeschlossen und die Drucklegung des Bandes vorbereitet werden. Der Antrag auf eine Fortsetzung, nämlich die Katalogisierung der Handschriften des Luzerner Franziskanerklosters St. Maria in der Au in der ZHB Luzern, den die ZHB Luzern mit Unterstützung des Kuratoriums eingereicht hatte, wurde vom Schweizerischen Nationalfonds und von der Regierung des Kantons Luzern für drei Jahre bewilligt. Mit diesem zweiten Luzerner Teilprojekt kann am 1. April 2011 begonnen werden.
Handschriften-Digitalisierung
Am 4. März fand in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern auf Einladung des Kuratoriums eine „Table ronde“ zur Zukunft der Handschriften-Digitalisierung in der Schweiz, zur Nachhaltigkeit und zur Zusammenarbeit unter den verschiedenen Gremien und Projektbeteiligten statt. An der Gesprächsrunde nahmen zwei Dutzend Fachleute teil, Mitglieder unseres Kuratoriums und des Kuratoriums CeCH, Vertreter der Handschriftenbibliotheken, der Projekte e-codices und HAN, der universitären Forschung sowie der SAGW. An der Sitzung wurde die Schaffung eines Herausgebergremiums (Editorial Board) für e-codices beschlossen.
Öffentlichkeitsarbeit
Der Internet-Auftritt des Kuratoriums www.codices.ch
wurde in seinen verschiedenen Bereichen wie Neuerscheinungen, Handschriftenkunde, Ausstellungen und Vorträge laufend aktualisiert. Dafür war eine Arbeitsgruppe zuständig, welcher Patrick Andrist als Webmaster, Charlotte Bretscher, Ruedi Gamper, Romain Jurot, Martin Steinmann und Ernst Tremp angehören und die sich zu einer Sitzung am 5. Mai in Zürich getroffen hat. Die Besucherzahlen unserer Homepage (Visites) erfuhren auch im Berichtsjahr eine Zunahme: Von 42'601 Besuchen im Vorjahr stieg die Zahl auf 45'476 (+ 6,7%). Spitzenmonat war der März mit 5972 „Visites“.
Jahresversammlung
Das Kuratorium hielt seine Jahresversammlung am 11. Mai in der Universitätsbibliothek Basel ab. Neben den ordentlichen Traktanda beschloss das Kuratorium, als Ergänzung zur Webseite www.codices.ch einen Newsletter mit Aktualitäten zur Handschriftenforschung in der Schweiz zu veröffentlichen.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen mit den Mitarbeitenden und einigen ehemaligen Mitgliedern im Restaurant „Wilhelm Tell“ besichtigten die Teilnehmenden unter Führung von Sara Stöcklin-Kaldewey die Ausstellung „Schatzkammern der Universität Basel“ im Hochchor des Münsters.
Förderkreis
Unser Förderkreis umfasst etwa 130 Adressen. Die von diesen Gönnern gespendeten Beiträge zur Unterstützung der Handschriftenerschliessung in der Schweiz werden von der Akademie verwaltet. Das Kuratorium konnte damit die laufenden Kosten der Internetseite www.codices.ch und Weiterbildungskosten der Katalogisatoren finanzieren, namentlich die Teilnahme von Dr. Mikkel Mangold am diesjährigen Kongress des „Comité International de Paléographie Latine (CIPL)“ in Ljubljana.
Ernst Tremp, Präsident
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